MS – aus der Sicht von Jens Hauk

Ich bin durch auf eine MS-Seite aufmerksam gemacht worden, die mir sehr nahe ging. Dort fand ich dann „der Clown“ von Jens Hauk. Fand ich super super schön und musste wissen, ob ich dieses Gedicht in meinem Blog verewigen durfte und schrieb ihn glatt einfach mal an.

Hab mich dann über seine Rückantwort total gefreut und bekam weitere Teile des Clowns sendet, die ich hier gleich vorstellen möchte. Anders wie vorher gedacht, werde ich diese nicht einfach so posten, sondern fest verankern.

Jens Hauck schreibt:

Hallo liebe Leser, meine Geschichte habe ich in Gedichte verpackt. Es sind vier Gedichte, wobei ich euch zu jedem Teil etwas zum Hintergrund meiner Gedanken schreiben möchte.

Kurze Information zu mir: Ich heiße Jens Hauk (faro@gmx.de) bin 44 Jahre und wohne in Deutschland/ Niedersachsen in der Nähe von Braunschweig (aber meine heimliche Liebe ist Celle).

Mein Gedicht „Der Clown“ ist so der Beginn des Schreibens von Gedichten im Jahr 2003, und für mich die Art und Weise mich mit meiner MS auseinanderzusetzen.
Der Clown beschreibt meine Zeit von der Diagnose 1998 bis 2003. Durch meinen damaligen Psychotherapeuten ermutigt, habe ich den Clown geschrieben. In eineinhalb Jahren Verhaltenstherapie habe ich mein Leben, auch mit MS, ins Positive gedreht.
Im Gedicht gibt es viele verarbeitete Details, Ängste, Sorgen, Mut, was wohl auf viele von uns nach der Diagnose zutrifft. Deshalb steht der Clown nicht nur für mich, sondern für viele von euch, und nicht nur für die mit der Diagnose Multiple Sklerose. Am Anfang wollte ich es nie aussprechen, wie bei Harry Potters „Lord Valdemore“, dessen Namen nicht genannt werden darf. Ich beschränkte mich auf das Kürzel MS, und es war mir egal ob mein Gegenüber damit etwas anfangen konnte, oder es als Muskelschwund definierte. Heute ist es mir wichtig geworden zu erklären was genau dahinter steckt.
Weitere Details im Clown sind das kleine Mädchen, womit ich meine Tochter beschreibe (damals 5 Jahre jung), im Publikum sehe ich die Menschen um mich herum. Freunde, Familie, Arbeitskollegen.
In der Gestalt eines Clowns konnte ich mich am besten sehen, und diese Situation meiner Diagnose am besten beschreiben.

 

Der Clown

Noch zehn Minuten dann ist er dran,
die letzte Vorstellung seines Lebens fängt an.

Traurig sitzt er vor dem Spiegel, und sagt: „Weine nicht!“
Und schminkt sich ein rotweißes Lachen in sein Gesicht.

Vor ein paar Stunden hat er die Diagnose erfragt,
Clown Du bist krank, hat man ihm gesagt.

Eine Krankheit die noch nicht heilbar ist,
aber gib nicht auf, bleib wie Du bist.

Noch fünf Minuten dann ist er dran,
fängt dann wirklich die letzte Vorstellung für ihn an?

So viele Jahre hat man über ihn gelacht,
und immer hat er den Menschen Freude gebracht.

Er war der Clown, Tag ein, Tag aus,
mit seiner roten Nase und viel Applaus.

Nun geht es los, jetzt ist er dran,
seine letzte Vorstellung fängt wie immer an.

Durch den Vorhang betritt er seine Welt,
die runde Manege und das Zirkuszelt.

Das Publikum applaudiert und lacht,
wenn der Clown nur seine Späße macht.

Doch plötzlich setzt er sich einfach hin,
laut sagt er: „Es hat doch keinen Sinn!“

Ganz still ist es nun im Zelt,
nur ein Scheinwerfer, der sein Gesicht erhellt.

Und im Licht sieht man ihm an,
dass der Clown nicht mehr lachen kann.

Tränen laufen über sein rotweiß lachendes Gesicht,
ein kleines Mädchen ruft: „Bitte Clown weine nicht!“

Er sagt allen warum er nicht mehr lachen kann,
nun fängt auch das kleine Mädchen zu weinen an.

Es steht auf und geht zu ihm hin:
„Lieber Clown, alles hat seinen Sinn!

Du bist für uns der Clown geblieben,
auch mit der Krankheit werden wir Dich lieben.

Vielleicht kannst Du nicht mehr rennen und springen,
aber Du der Clown wirst uns immer zum Lachen bringen.

Du kannst für uns andere Späße treiben,
doch der gleiche Clown wirst Du immer bleiben.

Hinter jedem Schicksal erkennt man irgendwann den Grund,
Clown, Du bist nicht krank, nur anders gesund.“

Er steht auf, jetzt ist er dran,
die erste Vorstellung seines neuen Lebens fängt an…
©jenshauk03

 

Fünf Jahre in einer Vorstellung erlebt. Fünf Jahre geprägt von Zweifeln, Existenzängsten und Wertigkeitssuche in der Gesellschaft. Meine Tochter hat diese Worte nie wirklich zu mir gesagt, aber mit ihrer Art und Offenheit der Krankheit gegenüber, habe ich von ihr genau dieses Gefühl, nur „anders gesund“ zu sein, bekommen.

Auch das Publikum hat sich verändert, aus Freunden wurden Bekannte, und Bekannte verblassen irgendwann, und werden einem fremd.

Drei Jahre hat es gedauert, bis ich die Fortsetzung „Der Clown lebt“ geschrieben habe, besser wäre wohl erlebt gewesen, denn es waren die ereignisreichsten Jahre meines Lebens. Scheidung, neue Liebe und Hochzeit und Trennung von meiner zweiten Frau. Aber durch die Therapie stand alles im positiven Licht, zumindest mit positivem Ausgang. Ich habe durch sie gelernt, auch in extremen Belastungssituationen für mich das positive Licht zu sehen. Ich fühlte mich (und das Gefühl trage ich bis heute in mir) allem gewachsen und irgendwie unbesiegbar. Im Nachhinein meine ich, dass mich dieses Gefühl vor dem Zusammenbruch durch die MS bewahrt hat. Ich gehe für mich aus jeder negativen Erfahrung umso stärker heraus. Ich gebe zu, dass mich die MS in der Zeit nicht in Ruhe gelassen hat, und mir auch einige Einschränkungen hinterlassen hat. Mein linkes Bein und auch die linke Hand sind seitdem beeinträchtigt. Doch wenn der Kopf positiv mitmacht, dann kann man vieles leichter annehmen und kompensieren.
Im Gedicht ist das Zelt leer, aber noch erhellt. Ich sehe es so, dass das Erhellen die wahren Freunde und Familie sind, die noch geblieben sind, und mit richtigen Freunden um sich herum ist man nicht allein. Gerade durch die MS habe ich auch wundervolle Menschen auf unterschiedliche Weise wie Reha/ Internet/ Kontaktgruppe kennengelernt, einige sind bis heute echte Freunde, und das in ganz Deutschland.

Der Clown lebt

Ein leeres Zirkuszelt,
noch vom Licht erhellt.

In der Mitte kniet der Clown,
allein, aber nicht einsam wirkt sein Schauen.

Die Vorstellung hat ihm gelehrt,
jeder Mensch hat seinen Wert.

Sein Kopf füllt sich mit Gedanken,
die sich wieder zu einem Ganzen ranken.

Schlafend hinter seiner Maske versteckt,
doch sein Herz hat ihn wieder aufgeweckt.

„Das Leben leben,“ sagt er leis,
Freiheit, Glück, alles hat seinen Preis.

Er winkt dem kleinen Mädchen hinterher,
auch ihr Platz ist längst leer.

Sie hat ihm ihre Tränen geschenkt,
so dass er jetzt ganz anders denkt.

Ja kleines Mädchen Deine Worte machen Sinn,
„anders gesund“ ist mein Gewinn.

Viele Vorstellungen wird es noch geben,
für den Clown und sein neues Leben.
©jenshauk06

 

Ja mein kleines Mädchen ist auch fort, dies ist symbolisch, da mein Töchterchen ja nur an den Wochenenden kommt. Doch immer wenn sie bei mir ist, bewundere ich ihre Selbstverständlichkeit zur MS mit ihren damals acht Jahren.

Wieder vergingen zwei Jahre bis ich „Der Clown geht“ geschrieben habe. In der Zeit habe ich mein Leben in ruhigere Bahnen gelenkt, und neu orientieren müssen.

Für viele ist es bestimmt ein großer Verlust nicht mehr arbeiten zu können, und dann mit 40 Jahren auf das Gleis der Frührentner (oder wie es in meinem Fall heißt Frühpensionär) abgestellt zu werden. Ich war 14 Jahre im Justizvollzug tätig, davor sechs Jahre beim Bundesgrenzschutz, der heutigen Bundespolizei. Doch ich habe mich wirklich ein Jahr gedanklich darauf vorbereitet, und mir in der Zeit neue Aufgaben und Ziele gesucht. Ja und so macht der Clown die Manege für den Jüngeren frei.

Als es Anfang 2007 soweit war, haben wir uns (meine MS und ich) auf das ruhigere Leben gefreut, und diesen Schritt bis heute nicht bereut. Ich habe in dem Jahr für die DMSG- Niedersachsen eine Ausbildung zum Betroffenenberater gemacht. Damit möchte ich nicht nur anderen MS’lern

eine Hilfe sein, sondern es hilft auch mir sehr viel. Hier schließt sich auch der Kreis der Wertigkeit.

In all den Jahren habe ich natürlich nicht nur den Clown geschrieben. Es sind viele Gedichte entstanden, quer durch Erlebnisse oder Fantasien in meinem Leben. So entstand Ende 2007 mein erster Gedichtband „Himmelwärts“.

Der Clown geht

 

Die Jahre gingen und gehen dahin,

gefüllt voll Freude und Lebensgewinn.

 

Das kleine Mädchen ist längst groß,

doch sie lebt in seinem Gedankenschoß.

 

Viele Vorstellungen hat er noch gegeben,

erfüllt mit „anders gesund“ zu leben.

 

Irgendwann kommt dann die Zeit,

wo der Clown zu sich sagt:„Es ist soweit.“

 

Er gibt die Manege frei für einen jungen Clown,

und liebt es ihm bei seinen Vorstellungen zuzuschauen.

 

Ihm hat er all seine Späße beigebracht,

damit das Publikum sich freut und weiterlacht.

 

Ein Clown aber bleibt man sein Leben lang,

auch als Zuschauer auf der Zirkusbank.

 

Sein Platz ist jetzt dort, wo sein kleines Mädchen mal saß,

und er durch ihre Tränen seine Krankheit vergaß.

 

Nachts in der Zirkusleere kann man ihn manchmal sehn,

und wer den Clown so sieht, der wird verstehn.

 

Lesend sitzt er dann in der Mitte seines Manegenrund,

leise liest er: „Jedes Schicksal hat seinen Grund…“

 

Kaum hörbar seine Worte, doch wer ihn kennt der versteht.

Der Clown steht auf, der Clown er geht.

 

Doch er geht nicht fort, denn es heißt dann und wann,

„Manege frei“, unser Clown ist dran.

©jenshauk08

 

Natürlich ist meine Tochter noch nicht groß, aber ich finde mit ihren zehn Jahren eine tolle Persönlichkeit. Warum sitzt mein Clown auf ihrem Platz, es sind einfach unsere Gedanken die uns immer verbinden, auch wenn sie nicht bei mir ist.

Im Dezember letzten Jahres musste ich einfach „Der Clown geht“ umschreiben. Eine liebe Freundin sagte mir, dass es wie Abschied klingt, und so sollte es ja nicht rüberkommen. Also mit Gedichten umschreiben tue ich mich schwer, denn was einmal aufgeschrieben wurde hat auch seinen Sinn. Deshalb lasse ich den Teil auch hier in meiner Geschichte.

Aber so entstand „Der Clown versteht“, und er beschreibt doch besser die Einfahrt in den Ruhestand, und den Beginn von meinen neuen Zielen.

Der Clown versteht

 

Das letzte Mal, dass sich heut der Vorhang hebt,

das letzte Mal, dass der Clown in der Manege steht.

 

Sein Herz hat ihm gesagt: “Es ist Zeit für den Endapplaus.“

noch einmal Clown sein, dann geht es nach Haus.

Im Spiegel schaut er in sein müdes Gesicht,
eine letzte Maske heute, die ein Lächeln verspricht.

 

Er löscht das Licht und verschließt seinen Wagen,

Kostüm und Maske wird er nicht mehr tragen.

 

Ein halbes Leben hieß es Vorhang auf in seiner Welt,

bis heute dann der Letzte fällt.

 

Eine Vorstellung ganz anders als die vielen bisher,

danach gibt es kein geschminktes Lächeln mehr.

 

So viele Freunde sind noch mal dabei,

nur ein Platz der ist noch frei.

 

Sein kleines Mädchen hat dort immer gesessen,

hat sie ihn gerade heut vergessen?

 

Er ist der Clown wohl so gut wie nie zuvor,

doch der letzte Applaus steht kurz bevor.

 

Die Trompete, zum letzten Mal spielt er sie,
ungeschminkte Tränen erfüllen die Melodie.

 

Unvergessen bleibt für jeden dieses Lied,
wenn er es mit dem Herzen sieht.

 

Die Manege bebt, Applaus im Stehen,

seine Maske fällt im Lauf der Tränen.

 

Er steht auf, verbeugt sich vor seinem Publikum,

Zeit zu gehen, er dreht sich um.

 

Ein Schatten tritt aus dem Dunkeln hervor,

und es kommt ihm fast wie damals vor.

 

Eine junge Frau, doch er hat sie sofort erkannt,

dieselben Tränen, dieselbe Hand.

 

Gemeinsam verlassen sie das bunte Zirkuszelt,

mit ihrer Freundschaft die seit Jahren hält.

 

Sie begleitet ihn noch ein kleines Stück,

er dreht sich um, noch ein Blick zurück.

 

Der letzte Vorhang hüllt dieses Leben ein,

doch die Erinnerung bleibt  der Weg hinein.

 

Die Fahnen auf dem Zelt scheinen ihm zu winken,

ein Abschiedsgruß, die Lichter blinken.

 

Dieser Lichterzauber ist was in seinem Herzen bleibt,

und ihm dort eine Botschaft schreibt:

 

„Machs gut mein lieber Clown,

vergiss nicht mal wieder vorbeizuschaun.

Der Zirkus ist zwar aus,

doch hier, hier bleibt Dein Zuhaus.

Dein neues Leben wird nicht weniger bunt,

lebe mutig weiter Dein „anders gesund.“

Dein Sinn ist es diesen Gedanken weiterzugeben,

damit viele wie Du ihre Krankheit anders leben.

Ein Schicksal braucht kein geschminktes Lachen,

denn nur Dein eigenes wird ehrliche Freude machen!“

 

Die Musik verhallt, die Lichter tauchen in die Dunkelheit,

mit ihnen der Clown, der in euren Herzen schreibt..

©jenshauk09

 

Ich kann wirklich sagen, trotz Multipler Sklerose, trotz meinen mittlerweile größeren Handicaps, mir geht’s gut, oder anders, es ist genau so richtig wie es ist.

Allen Lesern hier wünsche ich den Mut ein Clown zu sein, damit dieses Gedicht vielen Menschen wie mir und euch weiterhilft.

Die vier Gedichte, meine Geschichte, und noch viele andere Gedichte findet ihr in meinem zweiten Gedichtband „anders gesund – Macht Stark“ Mutmachgedichte von Jens Hauk,

erschienen und erhältlich im www.engelsdorfer-verlag.de oder www.amazon.de, und natürlich mit ISBN- Nummer in jeder Buchhandlung.

Euer

Jens Hauk

4 Gedanken zu „MS – aus der Sicht von Jens Hauk

  1. ich habe auch ms und ich habe diese geschichte gelesen und sie hat mir geholfen,
    wieder neuen mut zu finden, weiter zu machen! danke jens für deine geschichte!

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